Donnerstag, 18. Jänner 2007

vorläufiges urteil für die volksschul-lehrerin

soeben lese ich, dass das vorläufige urteil gefallen ist: 2.400 euro bedingt. das urteil lautet nur schuldig wegen körperverletzung und NICHT schuldig auf körperverletzung unter ausnützung einer amtsstellung. warum eigentlich?

es war die rede von provokation durch den schüler, auch seitens der staatsanwaltschaft, die verständnis für die lehrerin hatte. (?!)

der betreffende schüler hätte eine mitschülerin auf den kopf geschlagen, deswegen habe sie ihn weggestoßen. der schüler habe sich "dramaturgisch" (wie die lehrerin sagte) zu boden fallen lassen und sie verhöhnt. daraufhin habe sie ihn mit stöckelschuhen - achtung! - durch die klasse getreten. dies sollte eine pädagogische aktion gewesen sein: das kind sollte dabei lernen, wie es sich anfühlt, geschlagen zu werden. hmmm. und wer wird die lehrerin jetzt durchs klassenzimmer prügeln, damit diese wiederum versteht, wie es sich anfühlt, wenn jemand mit stöckelschuhen auf sie eintritt?

die klasse sei schwierig gewesen, der betroffene bub ein besonderer härtefall. der verteidiger meinte, die lehrerin sei ohnehin schon mit dem höchsturteil bestraft, sie leide an depressionen und - achtung! - man habe ihr den beruf weggenommen.

ja wirklich - muss frau nicht mitleid mit dieser armen, geplagten lehrerin haben? sollte nicht eigentlich das böse, unartige kind dafür bestraft werden, weil die gebeutelte frau wegen ihm so viel leid ertragen muss??!

der bub übrigens ist, seit er eine andere lehrkraft hat, ruhiger und "macht keine probleme mehr", sagen dessen eltern.

mich würde schwer interessieren, was der teacher zu dieser sache sagt. ich urteile ja eher aus sicht der eltern - ich stelle mir vor, was ich tun würde, wären meine kinder betroffen. ist zwar ein wenig einseitig, aber nicht zu ändern.

ich dachte immer, dass lehrerInnen eine pädagogische ausbildung haben und im zuge dessen und im zuge ihrer laufenden ausbildungen lernen, welche möglichkeiten sie haben, um mit schwierigen situationen umzugehen.

natürlich ist es so, dass die frau auch vor die disziplinarkommission muss - und ihren job hoffentlich nicht mehr ausüben darf. es wird nicht möglich sein, extra für sie eine ganz brave klasse zu finden, in der keine/r sie provoziert oder verhöhnt.

ich bin mit diesem urteil äußerst unzufrieden. es sagt uns, dass lehrerInnen, die ihre schüler schlagen, mit einer bedingten geldstrafe davon kommen. es sagt uns, dass es ok ist, schüler zu schlagen, wenn frau/mann sich verhöhnt oder provoziert fühlt.

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

teacher:
Ich kann die Kollegin verstehen, wenn sie im Affekt gehandelt hat ("auszuckt"). Ich kann sie keinesfalls entschuldigen. Als pädagogische Maßnahme ("damit der Täter seine Handlung begreift") gehört Gewaltanwendung nicht in unser heutiges, mitteleuropäisches Paradigma. Jeder Lehrende lernt und weiß, dass dieses Verhalten keinesfalls geduldet wird.
Das impliziert, dass diese Lehrerin vor einigen Jahrzehnten oder in anderen Ländern für die gleiche Tat nicht an den Pranger gestellt worden wäre, nicht bestraft worden wäre.
Die Geldstrafe ist zu verkraften, interessant wird, ob und wie die Kollegin weiterbeschäftigt wird. Das Stigma der "Prügelfrau" wird sie lange verfolgen.

tyndra hat gesagt…

naja, affekt wäre, wenn sie dem kind eine ohrfeige gibt. aber jemanden mehrmals mit dem fuss zu treten, fällt für mich nimmer unter affekt.

die geldstrafe ist bestimmt verkraftbar, weil bedingt. auch das finde ich ziemlich schräg.

sind solche disziplinarkommissionen eigentlich öffentlich oder schulinterne geheimsachen?

ps: danke fürs kommentieren! meine sichtweise ist natürlich einseitig und ich weiss nichts über das schulsystem, das meines wissens ja relativ starr und wenig bedarfsorientiert ist. vielleicht hat sie hilfe angefordert, aber (aus kosten- oder organisatorischen gründen) keine bekommen. das sind dinge, die selten an die öffentlichkeit dringen bzw. wahrgenommen werden.

Anonym hat gesagt…

Ich habe zwischenzeitlich in der Zeitung den Fall nachgelesen.
Von Affekt kann wirklich keine Rede sein, das Urteil fällt erstaunlich milde aus.

Ich gebe zweierlei Bedenken weiter, die beim Gericht eine Rolle gespielt haben könnten.
1. Die Lehrerin hat in guter Absicht gehandelt, sie wollte nicht aus persönlichen Gründen quälen (oder so), sondern sie wollte Mitschüler schützen und effizient ein Exempel statuieren.
2. Wenn dieser Vofall irgendwo ausserhalb der Schule stattgefunden hätte, hätte kein Schwein davon Notiz genommen. Solche Tritte gehören heute leider zum Alltag! Meine Kinder erzählen mir weit schlimmere Sachen, mein Sohn ist schon mit einem gebrochenen Zahn aus der Disco zurückgekommen. Null Folgen.
Ausserdem:
Leider nehmen die Übergriffe gegenüber LehrerINNEN zu und die Konsequenzen für die attackierenden Jugendlichen sind noch weit unbedeutender als die hier verhängte Strafe.
Es gelten halt gleiche Regeln und Strafen für gleiche Handlungen - das gehört zu den juristischen Grundprinzipien unseres Staates.
Trotzdem:
Ich bin nicht stolz auf diese Kollegin. teacher.

vbernd hat gesagt…

Man muss nicht immer jemanden fertig machen, die betroffene Lehrerin ist meines Erachtens nach genug gestraft. Ich sehe den konkreten Vorfall als Folge der Überforderung, als Hilferuf, und als (unbewusst absichtliche) Übertreibung. Wie der teacher schon schrieb, der weitere Karrierenverlauf ist interessant.
Und was die gleichen Regeln für gleiche Handlungen angeht: Die entscheidenden Umstände lassen sehr wohl verschiedene Strafen zu, deshalb gibt es ja auch Mindest- und Höchststrafen für versch. Delikte/Straftaten.

tyndra hat gesagt…

@teacher: ich gehe davon aus, dass die lehrerin hier nicht aus spass am quälen handelte (wirklich!). ich habe, auch wenn ich oft am kritisieren bin, ein grundvertrauen in die fähigkeiten der menschen. gerade das macht aber solche vorfälle besonders schwerwiegend. sie ist ja nicht irgendwer, sondern quasi eine fachfrau.

übergriffe von schülern auf lehrerInnen finde ich ganz genauso abstossend. in solchen fällen habe ich für güte wenig platz und toleranz. auch hier wären harte strafen angebracht, schon allein als abschreckendes beispiel.

oi - ich lese mich wie ein law-and-order-typ. verleiht mir einen sherriff-stern *g*

@vbernd: ja, das war ganz eindeutig ein hilferuf. nur reden wir hier von einer erwachsenen frau, die durchaus schon viel früher um hilfe hätte rufen können, bevor sie ihre nerven weggeschmissen hat.

inwiefern meinst du, sie wäre genug bestraft? weil sie jetzt die konsequenzen ihrer tat zu spüren bekommt?

auch wenn sie einsieht und bedauert, auch wenn sie depressionen hat - für mich bleibt immer noch übrig, dass sie ein kind getreten hat. der knülch ist 9 oder 10 jahre alt und hätte keine chance gehabt, sich zu verteidigen (selbst wenn ers versucht hätte). das finde ich einfach unfair.

worstcase hat gesagt…

Hallo Tyndra, ich möchte Deiner - im Ünbrigen natürlich respektierten - Auffassung meine persönlichen Erfahrungen entgegenhalten.

Wie ich aus eigener Erfahrung zu berichten weiß, gibt es den Typus der nicht mehr zu lenkenden und zunehmend mit deutlichen Sozialisationsdefiziten behafteten Kinder leider wirklich öfter als von so vielen Externen dieses einfach angenommen wird.

Dieses beginnt bereits zuhause, wenn die alleinerziehende Mutter einem aufsässigen Sohn und Grundschüler nicht mehr gewachsen ist und dieser sein Verhalten in der Schule auch meint ausleben zu dürfen.

Die ganz große Mehrzahl der Lehrer, die ein solches Drama in ihrer Klasse durchstehen mußten oder müssen darf sich ja kaum noch mit praktikabler und effizienter Handhabe WEHREN dank des politisch und gesellschaftlich verordneten "Kuschelkurses".

Die Schulleitung und die Lehrkörper können sich in einigen Bereichen z.B. nur noch mit zweitweisem Ausschluß der Betreffenden wehren, weil dieses sonst noch mehr zu Lasten der übrigen Schüler gehen würde.

Ich kann die Verzweifelung und Ohnmacht einiger Lehrerinnen verstehen, wenn ihnen von einem Viertklässler nicht nur die Worte "Du alte *piep* hast mir gar nichts zu sagen" an den Kopf geworfen werden, sondern ein Unterricht durch Einzelne komplett zu Lasten aller sabotiert wird. Schon so manche Lehramtsanwärterin kam weinend aus ihrer Klasse...ein Traumjob?

Ich will die Lehrerin - sofern dieser Angriff tatsächlich sich derart zugetragen hat - nicht in Schutz nehmen, aber die mutmaßliche Situation verstehen kann ich dennoch. Denn in weiten Teilen ist die Provokation, Schädigung und Sabotage eines der liebsten Hobbies dieser Schüler.
Was ist eigentlich die Folge von der Aktion bei dem Schüler gewesen? Was jedenfalls das Disziplinarverfahren betrifft: Die Folgen sind ganz extrem...

Heute muß sich die Lehrkraft nicht nur gegen diese Auswüchse durchsetzen, sondern leider auch noch gegen weite Teile der Elternschaft: "Mein Kind doch nicht...."

Du weißt nicht, was im Vorfeld schon alles gelaufen ist. Wie so oft sind solche Meldungen nur die Spitze eines Eisbergs - oder das Resultat langer, wirklich langer Leidenswege.

Man sollte den Schüler einmal weiterhin auf seinem Weg begleiten - ich denke, daß es nicht der besonders gerade Weg ist...

tyndra hat gesagt…

worstcase, du hast völlig recht: es gibt immer mehr schwierige und auffällige kinder, die den unterrichtsfluss stören bis blockieren. (ok ich weiss, dass in diesem zusammenhang die wörter schwierig und auffällig nicht verwendet werden dürfen, es heisst verhaltensoriginell oder sonstwie. aber ich als mutter nehme mir das recht heraus, die dinge so zu sagen, wie sie sind).

die kinder handeln und reden heute völlig anders als wir früher - wo die lehrkräfte respektspersonen waren, gegen die sich nur wenige rebellierten trauten.

heute ist das anders. und ich weiss (auch das aus eigener erfahrung), dass die lehrerInnen nicht wirklich möglichkeiten haben, dem terror entgegen zu wirken. strafen sind ja verboten (oder waren es zumindest zur zeit, als meine kinder die 4. vs besucht haben), und nachsitzen will mann/frau solche kinder nun nicht wirklich auch noch lassen.

es ist auch ein schwieriger prozess für die schülerInnen, sich in eine gemeinschaft einzuordnen und regeln respektieren zu lernen.

schuldzuweisungen von eltern zu lehrerInnen und umgekehrt, wer denn nun versagt hat, halte ich für nutzlos. es ist offensichtlich, und zwar fast jeden tag, das etwas geschehen muss.

es wäre also hoch an der zeit für das system schule, auf das geänderte verhalten der schülerInnen zur reagieren. den lehrerInnen mehr möglichkeiten zu geben, die schülerInnen mehr mit den konsequenzen ihrer handlungen zu konfrontieren.

das heisst auch: ja, ich bin dafür, dass die kinder strafen bekommen. in form von schreib-, rechen- oder auswendiglernaufgaben. in form von nachsitzen, sozialen diensten wie aufräumen oder sonstwas. aber immer hand in hand mit einer mitteilung nach hause, weil ich als mutter schon wissen will, was der grund für diese aktion ist.

ich kann verstehen, dass die lehrerschaft unter druck steht. dass jene, die nicht mit erscheinung, persönlichkeit oder strenge respekt bekommen, einfach durch den rost fallen. das sind oft auch die sogenannten guten - im wahrsten und ehrlichen sinn des wortes.

dazu kommt, dass es schwer für die lehrerInnen ist, hilfe anzufordern. auch aus dem blickwinkel, dass dies mit eigenem versagen in verbindung gebracht wird. es ist nicht verboten, mit einer situation überfordert zu sein. auch das muss sich als sichtweise wahrscheinlich erstmal durchsetzen.

dies alles wissend und berücksichtigend verurteile ich diese lehrerin trotzdem. immerhin ist sie die erwachsene und das kind eben ein kind.

wenn sie sich auf diese ebene begibt, hat sie auf alle fälle verloren: pädagogisch, menschlich und rechtlich (naja, rechtlich scheinbar doch nicht, wie das urteil zeigt).

ich möchte meine kinder auf keinen fall von lehrerInnen betreut wissen, die mal eben zutreten, wenn
sie provoziert werden.